Baffin Expedition 2008
 
 
Baffin Expedition 2008

29. Mai 2008

Strecke: 30,8 Kilometer. Wenn es einen Tag zum Niederknien gibt dann ist es dieser. Schon in den frühen Morgenstunden fangen die Zeltwände ganz leicht zu flattern an. Die Wolken hängen tief und nach unseren Erfahrungen der vergangenen Wochen stehen die Chancen für einen Kite- Tag unter diesen Vorzeichen nicht schlecht. Ungewohnt früh sind wir heute morgen startklar.

Um neun Uhr ziehen wir die kleinen Schirme hoch, wechseln nach wenigen hundert Metern jedoch auf die großen. Es ist immer wieder das gleiche Spiel: Hält der Wind oder schläft er wieder ein wie gestern? Es erfordert unglaubliche Konzentration die schweren Pulkas durch Gräben und über meterhohe Schneeverwehungen zu manövrieren. Dabei jedoch den Schirm immer optimal im Windfenster zu halten und ja keine unkontrollierten Lenkbewegungen zu machen. Multitasking in Vollendung. Für kurze Zeit schiebt sich die Sonne etwas stärker durch die Wolkendecke und die Eisberge und Eisformationen erstrahlen förmlich in einem kalten, blaugrauen Licht.

Immer schneller gleiten wir lautlos über riesige freie „Rough Ice“- Flächen. Nur das Pfeifen und Surren der Leinen unserer Kites durchbricht die Stille. Heute schläft der Wind in den Nachmittagsstunden nicht ein, ganz im Gegenteil, er nimmt permanent zu. Er wird so stark, dass wir wieder auf die kleinen Schirme wechseln müssen. Es herrscht Sturm. Neuschnee wird wie Gischt auf den Wellen von den Eisschollen gerissen und treibt in riesigen Fahnen über den Boden. Immer größer werden die glatten Flächen ohne „Rough Ice“. Mit unglaublichen 30 km/h fliegen wir förmlich an Eisbergen und bizarren Eisformationen vorbei. Was für ein Gefühl, was für eine Entschädigung für den gestrigen Tag.

Doch jetzt ja nicht übermütig werden. Bei dieser Geschwindigkeit sind die Seen und Gräben, die sich hinter den Schneeverwehungen verbergen erst im allerletzten Moment zu erkennen. In nur knapp 5 Stunden schaffen wir zwei Tagesetappen und erreichen die Hütte an der Mündung vom Kogalu River. Für Holger und mich ist dies ein ganz besonderer Augenblick. Vor 8 Jahren waren wir zusammen mit Kurt Albert und Gerd Heidorn schon einmal an diesem Ort. Damals im Sommer, mit Seekajaks und vielen Eisbären, die uns sogar bis in die Hütte verfolgten.

Jetzt sitzen wir wieder auf den gleichen Stühlen, auf dem gleichen schäbigen Sofa. Es hat ein kleines bißchen was von nach Hause kommen. Wir sind glücklich, es war ein großartiger Tag.

Baffin Expedition 2008

30. Mai 2008

Ruhetag in der Jagdhütte am Kogalu River. Der Sturm tobt in patagonischer Dimension. Es ist kaum möglich, aufrecht im Freien zu stehen. Schneeflocken fegen waagrecht über die Hügel, die seicht zum Meer hin auslaufen. Wir haben mal wieder so richtig Glück, wie so oft während dieser Expedition. Genau im richtigen Augenblick das erste feste Dach über dem Kopf, bevor der Himmel über uns zusammenbricht.

Blizzards in dieser Stärke sind eigentlich für diese Jahreszeit ungewöhnlich. Wir fühlen uns sicher in der kleinen, schäbigen Hütte, die krachend und ächzend besonders unter dem Sturm leidet. Noch drei Tagesetappen bis Clyde River. Wir spüren wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von uns weicht. In unseren Pulkas liegen noch ausreichend Simpert Reiter Mahlzeiten und Powerbars. Aber zur Not könnten wir selbst unter diesen widrigen Umständen die verbleibende Strecke nach Clyde River über den direkten Landweg zurücklegen.

Ich kenne diese Variante von meiner ersten Baffin Island Expedition. Bei einem ähnlichen Sturm versuchten wir damals den Brandungsgürtel mit unseren Kajaks zu überwinden. Doch die letzte Welle wurde mir zum Verhängnis und ich kenterte. Holger rettete mich und nur mit viel Mühe erreichten wir das Ufer. Nach diesem Erlebnis machten sich Gerd Heidorn und ich auf den Weg über Land zurück nach Clyde River. In zwei qualvollen, langen Tagesetappen zerrten wir unsere Seekajaks bis auf den Dorfplatz vor dem Supermarkt, während Holger und Kurt in ihren Kajaks mit dem Sturm und den Wellen an der Küste entlang „surften“.

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31. Mai 2008

Strecke: 18 Kilometer. In der Nacht wird der Sturm immer schwächer und schläft am Morgen völlig ein. Windstille. Wir verlassen die Hütte und ziehen weiter der Küste entlang Richtung Cape Christian. Es ist der wärmste Tag seit unserer Ankunft in Baffin Island. Erst jetzt, wenn der Schnee feucht und schwer auf unseren Skiern klebt wird uns bewusst, dass er schon längst nicht mehr vor Kälte unter unseren Füßen knirscht wie noch wenige Wochen zuvor.

Während den Nachmittagsstunden brechen wir sogar mit unseren Skiern tief in die Harschdecke ein. Durch den Neuschnee der letzten zwei Tage tückisch getarnt entstehen überall Risse, die sich kreuz- und quer durch das Eis ziehen. Noch sind sie ganz fein und für uns leicht zu überqueren. Aber in wenigen Tagen werden sie zu unüberwindbaren Hindernissen. Doch für uns sicher nicht mehr. Das letzte Camp auf dem Meer. Gespenstisch zieht der Nebel vom „Flow Edge“ herein. Schemenhaft und geheimnisvoll zeichnen sich die Umrisse der Eisberge ab. Wir genießen die letzten Stunden in einer für uns fremden und wundersamen Welt.

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1. Juni 2008

Strecke: 20 Kilometer. Wir können es kaum glauben in welch rasender Geschwindigkeit die Temperatur in den letzten zwei Tagen anstieg. Es ist quälend heiß. Kein Windhauch und kein kühlender Schatten und um uns herum nur Eis und Schnee. Irgendwie ist es verrückt. Stundenlang laufen wir vor uns hin. Wir sprechen wenig miteinander, jeder hängt seinen Gedanken nach, versucht die Ereignisse der letzten Tage und Wochen zu ordnen. Ich bin nicht traurig, dass diese Reise morgen vorüber sein wird. Ich habe für eine begrenzte Zeit in einer Welt leben dürfen, die mich zwar sehr fasziniert, aber mir fremder und geheimnisvoller als jemals zuvor erscheint.

Im grellen Sonnenlicht zeichnen sich am Horizont die Antennenmasten der verlassenen amerikanischen Radarstation von Cape Christian ab. Sie wirken wie ein Zielbanner, durch das wir nur noch laufen müssen. Aber noch ist Clyde River einen weiteren Tagesmarsch entfernt . Bis Mitternacht sitzen wir vor unseren Zelten. Zum ersten Mal scheint die Sonne nicht nur, sie wärmt uns sogar.

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2. Juni 2008

Das große Finale: Kein Drehbuch und selbst in unseren kühnsten Vorstellungen hätten wir uns die Ankunft in Clyde River nicht grandioser ausmalen können. Gegen 12 Uhr nimmt der Wind aus Süd immer weiter zu. Zum ersten Mal können wir ihn nutzen, Clyde River liegt von uns aus gesehen in östlicher Richtung. Direkt an den verlassenen Wellblechruinen der Amerikaner, die auf uns wie ein Symbol unglaublicher Arroganz und Unsensibilität wirken, starten wir die Kites. Leicht vom Wind abfallend rasen wir über die riesige Hochfläche.

Gestern noch quälend langsam, fliegen die Kilometer heute förmlich an uns vorbei. Ausnahmsweise sogar einmal in geschlossener Formation, Kiten wir auf die Kante der Hochfläche zu. Und dann liegen sie plötzlich vor uns in der Ebene, die Häuser von Clyde River. Mit 40 KM/h, Adrenalin und Euphorie bis in die Haarspitzen, segeln wir dem Ende unseres Abenteuers entgegen. Alles ist wie in einem Traum. Schiffe liegen wie dicke Robben auf dem Eis der Bucht und unzählige Schlittenhunde brechen in lautes Heulen aus, als wir auftauchen. Genau an der gleichen Stelle, an der Kurt und Holger vor 8 Jahren mit ihren Kajaks ankamen, geht auch unser Abenteuer zu Ende.

Selbst unsere Boote, die wir damals an die Inuits verkauften, liegen noch an der gleichen Stelle. Worte können das Gefühl, das wir in diesem Moment empfinden nicht beschreiben. Ich möchte es auch gar nicht erst versuchen. Dieser Augenblick ist auch ein wesentlicher Grund dafür, warum wir immer wieder zu neuen Abenteuern aufbrechen. Jeder erlebt ihn anders, ganz für sich allein, ganz tief in sich drin.



Wir danken allen, die immer wieder diese Website besuchten, um aus der Ferne an unserem Abenteuer teilzunehmen.

Wir bedanken uns vor allem bei unseren Familien, ohne deren Verständnis und Großzügigkeit wir diese Reisen nicht so unbeschwert genießen könnten.

Natürlich bedanken wir uns auch bei unseren Sponsoren, ohne deren hochwertige Ausrüstung die Expedition in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.

Eine ausführliche Reportage über diese Expedition wird noch dieses Jahr im Magazin GEO erscheinen.

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Teil 6: Jetzt weiterlesen