Baffin Expedition 2008
 
 
Baffin Expedition 2008

17. Mai 2008

Strecke: 14 Kilometer.
Wir umrunden Cape Cargenholm und hoffen auf etwas Wind am Eingang zum Paterson Inlet. Kaum Rough Ice und tatsächlich eine ganz leichte Brise mit etwas stärkeren Böen. Wir packen die elf Quadratmeter großen Kites aus und das Chaos nimmt seinen Lauf. Wir starten nicht gleichzeitig, fahren unterschiedliche Wege und nach fünf Stunden sind wir in drei Gruppen hoffnungslos verstreut.

Gut, dass unsere beiden Waffenträger, Robert und Mariusz, gemeinsam im Rough Ice feststecken, Holger und ich haben wenigstens ein Bärenspray im Rucksack. Klaus hat nur seine Kameras.

Er hat Schwierigkeiten seinen Schirm zu starten, der Wind wird immer schwächer, die Eisbärenspuren immer häufiger und die Abdrücke der Tatzen immer größer. Nebel zieht auf. Im letzten Moment kommen wir aus allen Himmelsrichtungen wieder zusammen, bevor uns das White Out bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages verschluckt. Ein weiterer deprimierender Tag.

Baffin Expedition 2008

18. Mai 2008

Strecke: 15,5 Kilometer.
Wie zur Strafe für so viel Dummheit müssen wir heute wieder laufen. Erst im Laufe des Tages lichtet sich der Nebel. Mein Gott, welche Dimensionen. Am Abend übertragen wir die gelaufene Strecke auf die Karte. Eigentlich waren wir heute ganz zufrieden mit uns. Gemeinsam starren wir auf die Karte und können es einfach nicht fassen, wie unmerklich sich unser Tageswerk auf die verbleibende Strecke auswirkt. Uns schwant Böses und wir denken bereits über die Rationierung unserer Verpflegung nach. In der Nacht fängt es an zu schneien und ... Wind kommt auf.

Baffin Expedition 2008

19. Mai 2008

Strecke: 49 Kilometer.
Windalarm um 7 Uhr morgens. Endlich Wind. Wir sind aufgeregt wie kleine Kinder, als wir die Kites eine Stunde später hochziehen. Dieses Mal wesentlich disziplinierter. Wir genießen jeden Meter, den wir nicht laufen müssen und aus den Metern werden sehr schnell Kilometer. Der Wind wird immer stärker und zeitweise schießen wir regelrecht über die riesige Schneefläche. Mühelos segeln wir mit den Pulkas im Schlepptau immer tiefer in den Fjord hinein.

Schon nach zwei Stunden haben wir 20 Kilometer hinter uns. Einige Eisbären flüchten in wilder Panik. Solange wir zusammenfahren fühlen wir uns stark und sicher. Aber nur nicht stürzen und zurückfallen. Allein bei diesem Gedanken spielt die Phantasie bereits wieder verrückt und sieht aus allen Seitenarmen der Fjorde die Eisbären wie Hyänen näher rücken, um schreckliche Rache zu üben.


Was für ein Geschenk. Über drei Tagesetappen an einem Tag und ein traumhafter Lagerplatz noch obendrein. Seit Wochen bauen wir die Zelte zum ersten Mal wieder auf festem Boden auf. Es ist 22 Uhr und die Sonne scheint in die Zelte. Wir sind zum ersten Mal seit unserem Aufbruch vom Basislager nicht deprimiert am Ende des Tages. So kann es weitergehen.

It is still a long way home.

Baffin Expedition 2008

20. Mai 2008

Strecke: 16,7 Kilometer. Das vor uns liegende Tal hat keinen Namen. Nennen wir es einfach das „Kaugummi-Tal“. 60 Kilometer ist dieser Kaugummi lang, und wie es Kaugummis so an sich haben, schmecken sie Anfangs ganz gut, man kann schöne Blasen damit machen und nach kurzer Zeit verwandeln sie sich in einen ekligen, harten Klumpen im Mund. Unser Tal schmeckt zu Beginn auch noch ganz gut. Die Sonne scheint so warm wie nie zuvor und in leichten, kaum merklichen Aufschwüngen gewinnen wir laufend und schleppend Höhenmeter für Höhenmeter. Auch die Blasen können sich durchaus sehen lassen. Prall und groß leuchten sie an Mariusz Füßen.

Baffin Expedition 2008

21. Mai 2008

Strecke: 19,7 Kilometer. Das Tal wird härter, verliert zusehends an Geschmack und die Blasen an den Füßen von Mariusz sind auch schon geplatzt. Um seine geschundenen Fersen zu entlasten, steigt er wie eine Geisha selbst in der Ebene auf der höchsten Einstellung seiner Aufstiegshilfe der Tourenbindung.

Robert versucht das Unmögliche möglich zu machen und kreuzt verzweifelt mit seinem Kite gegen den Wind. Zu Fuß sind wir wesentlich schneller. Wolken ziehen herauf, hüllen die wenigen Wände, unsere einzigen Sehenswürdigkeiten, in eine weiße Masse. Das Licht wird diffus, die Konturen am Boden verschwimmen mit dem Nebel zu einem milchigen Brei. „White out“.

Baffin Expedition 2008

22. Mai 2008

Strecke: 22 Kilometer . Zwei Farben dominieren den Tag: Das gleißende weiß des Schnees und das orange der Zeltwände am Abend. Kein ausschlagender Baum, kein blühender Strauch als erstes Anzeichen für den Frühling.

Die einzigen Hinweise dafür sind tückische Schmelzwasserlöcher und der erste Regen. Es ist eine unwirkliche Gegend. Das Schlimmste ist, dass man schon am Abend weiß, was der nächste Tag bringen wird. Stundenlanges, monotones Dahinlaufen.

Man redet sich Gleichmut und Gelassenheit ein, versucht verzweifelt sich seinem Schicksal zu ergeben, um dann doch wieder dagegen anzukämpfen. Stunde für Stunde, Minute für Minute. Mariusz bricht zwar bei jeder Pause in Verzücken aus, wie toll und meditativ er das Laufen findet. So wie er daherkommt, glaubt es ihm keiner von uns.

Baffin Expedition 2008

23. Mai 2008

Strecke: 17 Kilometer. Ach ja, eine wichtige Eigenschaft des Kaugummis hatte ich vergessen. Er kann sich schier endlos in die Länge ziehen. Genau wie dieser Tag. Er ist einer der Schrecklichsten. Vielleicht, weil wir heute das Ende des Tals erwarten, das Ende der Monotonie, einen neuen Abschnitt.

Doch nach jeder Kuppe taucht die Nächste vor uns auf, regelmäßig wie Wellen auf dem Meer. Und dann endlich: Ganz langsam und behutsam zeichnet sich die scharfe Felskante im Nebelmeer ab, die Scott Island zur Meerseite begrenzt.

Circa 15 Kilometer liegt sie vor der Küste. Sie ist für uns das Symbol für die nächste Etappe. Wir sind wieder auf dem Meer und bleiben es auch bis zum Ende unserer Expedition in Clyde River.

Baffin Expedition 2008

24. Mai 2008

Strecke: 20,1 Kilometer. Wind um Mitternacht. Robert, der leider zu dieser Zeit aus dem Zelt muss, löst sofort Kite- Alarm aus. Mit der Überzeugungskraft eines gestandenen Bergführers versucht er uns zum Aufbruch zu drängen. Doch aus jedem Schlafsack ist nur ein Murren und Knurren zu hören. Nach zehn Minuten gibt er resigniert auf. Der Wind eine halbe Stunde später und so können wir alle in Ruhe weiterschlafen.

Am Morgen wieder Wind direkt aus Nord. Nicht ideal, aber immerhin ausreichend zum Kiten. Wir versuchen hart am Wind auf die schon erwähnte markante Felskante von Scott Island zuzusteuern. Es ist harte Arbeit. In Achterloops halten wir die Kites ständig im Windfenster. Doch mit den schweren Pulkas kommen wir nur sehr mühsam voran, aber immerhin etwas schneller als zu Fuss. Kurz vor Scott Island geben wir auf. In dem Moment, als wir die Skier abschnallen um die Kites zusammen zu packen, versinken wir bis zu den Oberschenkeln in Wassereis, das sich nur wenige Zentimeter unter der Schneeoberfläche bildet.

Gerade einmal 12 Kilometer haben wir geschafft, weitere 8 Kilometer laufen wir an diesem Tag noch. Als wir das Kap von Scott Island umrunden, fängt es in dicken Flocken an zu schneien. Die Felsen ragen wie ein überdimensionaler Schiffsbug bis 500 Meter steil und überhängend direkt aus dem Meer auf. Soviel wir wissen, war es der Amerikaner Mike Libecki, der vor wenigen Jahren als erster und bisher einziger eine Route im Alleingang an diesem Massiv kletterte. Im letzten Jahr kletterte eine Gruppe Franzosen an den hinteren Wandfluchten eine neue Route und sprangen mit Baseschirmen über den Felsbug in die Tiefe.

Wir bauen unser Camp an einem Eisberg Mittlerweilen haben wir eine eingespielte Routine beim Lageraufbau. Vor allem ist es immer wieder ein beruhigendes Gefühl, wie gewissenhaft Robert jeden Abend seinen Eisbärenwarnzaun aufbaut. Leider hält dieses Gefühl der Sicherheit nicht die ganze Nacht. Zumindest wollen Holger und ich dem Frieden immer noch nicht trauen, oder wollen das Zünden der Signalraketen auf keinen Fall verschlafen.

Baffin Expedition 2008

25. Mai 2008

Strecke: 33,4 Kilometer. Früh am Morgen knattern die Zeltwände im Wind. Die Schneeflocken knistern auf dem Außenzelt. Tief hängen die Wolken und ein scharfer Wind treibt die Flocken waagrecht von Norden herüber. Normalerweise verkriecht man sich bei diesen Verhältnissen noch tiefer in seinem Schlafsack. Aber Wind bedeutet Kiten und heißt nicht laufen, schleppen oder zerren müssen.

Der Wind wird immer stärker. Wir entschließen uns für die kleine Schirme, was eine gute Entscheidung war. Nach wenigen hundert Metern stecken wir mitten im rough ice und müssen mit größter Vorsicht durch die aufgeschobenen Eisschollen manövrieren. Immer wieder kippen die Pulkas um, verfangen sich die Leinen in den Eisschollen, die wie überdimensionale Glasscherben kreuz und quer in die Höhe ragen.

Es herrscht eine bizarre Stimmung. Die Wolken verschmelzen mit den Konturen des Eises. Das rough ice scheint kein Ende zu nehmen. Bis zum Horizont erstreckt sich der Scherbenhaufen. Und dazwischen kleine bunte Kites die nervös wie Kinderdrachen hin- und her schießen. Nach acht Stunden schlagen wir erschöpft das Lager auf. Wir haben es bis in die Mitte des Sam Ford Fjordes geschafft, das ist eine hervorragende Ausgangsbasis für die nächsten Tage.

Baffin Expedition 2008

26. Mai 2008

Windstille, strahlender SonnenscheinRuhetag. Unser Erster, seit wir das Basislager verlassen haben. Vor uns in weiter Ferne liegen die berühmten und beeindruckenden Felswände des Sam Ford Fjordes. Hinter uns das Meer. Wir beheben die Schäden an unseren Pulkas, verschaffen uns einen Überblick über unsere Verpflegung und laden mit den Solarpanelen unsere leeren Akkus.

Über den Weltempfänger hören wir Nachrichten und den Wetterbericht für Deutschland. 20 bis 30 Grad zu Hause- und wir stehen mit offenen Daunenanoraks vor unseren Zelten in der unendlichen Schneewüste. Das ist momentan unser Sommer.

Eine verrückte Welt, aber unsere Tage in ihr sind gezählt und langsam überschaubar.

Baffin Expedition 2008

27. Mai 2008

Vor uns liegt das Traum-Tal für jeden „Big Wall“ Kletterer, der Sam Ford Fjord.

Weit in der Ferne können wir mit dem Fernglas die berühmten Felsformationen „The Fin“, „Polar Sun Spire“ und den „Great Cross Pilar“ erkennen. Wir sind ausgebrannt und froh, Clyde River in absehbarer Zeit zu erreichen. Doch bei diesem Anblick können wir nicht garantieren, nicht noch einmal nach Baffin Island zurückzukehren. Sicher nicht nächstes Jahr, aber vielleicht, wenn wir die Entbehrungen, Schmerzen und vor allem die permanente Kälte dieser Expedition vergessen haben und wir uns nur noch an die „Highlights“ erinnern werden.

Windstille, strahlender Sonnenschein und leichte Minusgrade. Noch trägt uns der Schnee und unsere immer noch zu schweren Pulkas. Wir sind ausgesetzt in einer bizarren Welt aus Schnee und Eis. Es ist nicht vorstellbar, dass sich diese Eismassen in wenigen Wochen in tosende Wellen verwandeln werden. Wir zerren unsere Pulkas über Kanten und Schneeverwehungen, vorbei an unzähligen und vergänglichen Kunstwerken, vorbei am Kap Erik Point Richtung Eglington Fjord.

Baffin Expedition 2008

28. Mai 2008

Strecke: 18,5 Kilometer. Wieder White Out und kein Wind. Mit dem gps peilen wir unser nächstes großes Ziel an, „Kap Eglington“. Wir bewegen uns ca. zenh Kilometer von der Küste entfernt auf dem Meer. Das „Rough Ice“ zwingt uns zu einem Slalomlauf um Eisberge, meterhohe Eisschollen und gefährliche tiefe Graben. Immer wieder rutschen die Pulkas seitlich ab, überschlagen sich und bleiben auf dem Kopf liegen.

In Sekundenschnelle übernehmen sie das Kommando und reißen uns ohne Vorwarnung hinter sich her. Alle paar Minuten hört man jemanden aus einem anderen Graben fluchen. Um die Mittagszeit nimmt der Wind langsam zu. Obwohl er eigentlich noch zu schwach ist, entschließen wir uns, genervt von der mühsamen Schlepperei, mit dem großen Ozone zu kiten. Nur ganze 7 Kilometer kommen wir so weiter. Es ist ein richtiger Sch…..Tag.

Wir laufen wieder. Sehen keine Konturen, keine Gräben oder Verwehungen. Alles verschwimmt vor unseren Augen zu einem einzigen weißen Brei. Zumindest haben wir unser Tagespensum erreicht und sind froh, nun wieder das orange unserer Zeltwände sehen zu dürfen. Noch zwei Tagesetappen bis zur Mündung des Kogalu River. Es ist unglaublich mühsam.

Baffin Expedition 2008

Teil 5: Jetzt weiterlesen

Teil 7: Jetzt weiterlesen