Baffin Expedition 2008
 
 
Baffin Expedition 2008

10. Mai 2008

Vorbereitungen. Ab morgen werden wir in der Wand bleiben. Gleichzeitig sortieren wir wie Simpert Reiter Nahrung für die nächste Etappe, den Marsch nach Clyde River. Nach der Rückkehr aus der Wand werden wir uns sofort auf den Weg machen müssen. Jeden Tag wird es wärmer. Die Seen in den Buchten und unter den Felsen werden immer größer. Mindestens 20 Tage kalkulieren wir für den Marsch auf dem brechenden Eis. Das bedeutet 100 Tüten Müsli, 100 Tüten Hauptgerichte, 100 Tüten Suppen und 300 Powerbar Riegel.
Bevor wir in die Wand aufbrechen, müssen wir auch noch das Lager komplett räumen und sämtliche Ausrüstung und Verpflegung in bärensichere Höhe in die Wand ziehen. Spannende Tage stehen uns bevor.


Baffin Expedition 2008

11. Mai bis 14.Mai 2008

Die letzten Tage in der Wand waren sehr ereignisreich, daher werde ich die ausführliche Schilderung noch nachreichen. Momentan herrscht vor dem Zelt emsiges Treiben, denn noch heute Abend werden wir uns auf den Weg nach Clyde River machen.

Der Frühling ist nun auch in Baffin Island eingekehrt. Man kann zwar die Daunenjacke ab und zu offen tragen, aber die Verhältnisse auf dem Eis wenden sich von Tag zu Tag zu unseren Ungunsten. Schon jetzt bilden sich riesige Seen. Sie sind tückisch, da man die Wassertiefe nicht einschätzen kann. Wir werden vor allem in der Nacht laufen müssen und auf gute Kite-Winde in den späten Nachmittagsstunden hoffen.



“Unsere“ Wand war nur ein Etappenziel, nun geht die Expedition weiter und wird für uns jetzt erst so richtig spannend. Im Fels wissen wir was zu tun ist. Was aber das Leben in der arktischen Wildnis angeht, sind wir Novizen und müssen uns auf unsere Instinkte und Erfahrungen der zurückliegenden Expeditionen verlassen.



Ich möchte keinen auf die Folter spannen. Hier noch ein paar Daten zu unserer „Traumroute“ an der Bastion. Wir kletterten insgesamt 21 Seillängen. Die Wandhöhe beträgt 700 Meter und die Schwierigkeiten liegen bei A4/10-. Das Juwel hat auch schon einen Namen: „Take the long way home“. Und zu diesem brechen wir jetzt auf.

Baffin Expedition 2008

15. Mai 2008

Take the long way home“, unser Routenname, sollte eigentlich nur eine Anspielung auf das Bevorstehende sein, aber nicht sofort zur Gewissheit werden. Was uns in den nächsten 20 Tagen erwarten wird, erfahren wir bereits nach den ersten zwei Stunden Marsch. Das Gewicht unserer Pulkas liegt zwischen 75 und 100 Kilogramm. Natürlich hat Mariusz die schwerste Pulka, aber er wollte es auch nicht anders.

Natürlich laufen wir viel zu schnell los, natürlich hat der Erste von uns schon nach wenigen Kilometern die ersten Blasen an den Füßen und natürlich können wir es nicht glauben, dass wir nur so wenige Kilometer geschafft haben.

Mitternacht, die Sonne geht gerade hinter der Bastion wieder auf. Wir schlagen unser erstes Lager auf. Haare, Mützen, Rucksäcke liegen unter einer dicken Reifschicht und wenige Stunden später auch unser Eisbären – Warnzaun. Der Reif zieht die Nylonschnur bis auf den Boden. Um ihn auszulösen müsste der Bär schon robbend daherkommen. Die Nacht ist entsprechend unruhig. In unseren Träumen wird das Lager von riesigen Eisbärenhorden niedergemacht. Holger und ich sind in permanenter Alarmbereitschaft.

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16. Mai 2008

Strecke: 18 Kilometer.
Der Tag steht unter dem Motto „die Entdeckung der Langsamkeit“. Wir teilen den Tag in Etappen ein: Zwei Stunden laufen, Pause, zwei Stunden laufen, Pause, zwei Stunden laufen. Schichtende. Man läuft und läuft und kann es einfach nicht fassen, dass die Kilometer so unendlich langsam weniger werden. Weit über 300 Kilometer sind es noch bis Clyde River, eine schier erdrückende Vorstellung.

Heute versuche ich es mit folgender Taktik: Ich suche mir einen Eisberg aus, auf den wir zulaufen. Dann versuche ich so lange wie möglich diesen Eisberg nicht mehr anzuschauen. Ich laufe Stunden hinter Holgers Pulka her und starre immer die selbe Niete an seiner Rückwand an.

Als meine Neugier unerträglich wird, blicke ich auf und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass der Eisberg, zumindest visuell, immer noch genauso weit entfernt ist. Unser Lager schlagen wir am Eingang eines zehn Kilometer einschneidenden Fjordes auf.

Zumindest haben wir heute die andere Seite des Buchan Gulf erreicht. Ein kleiner, ein winzig kleiner Trost.

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