Baffin Expedition 2008
 
 
Baffin Expedition 2008

2. Mai 2008

Die ersten Meter in der Wand. Keiner von uns kletterte jemals zuvor an einem so exponierten Ort. Vor uns liegen Eisberge und das offene Meer, das sich bis Grönland erstreckt. Der Fels ist gewöhnungsbedürftig. Sicher erscheinende Schuppen brechen ohne Vorankündigung ab. Durch die hohen Temperaturunterschiede ist die Felsbeschaffenheit nur schwer einzuschätzen. Wir müssen extrem vorsichtig sein. Jeder Unfall an diesem Ort hätte schwerwiegende Folgen. Nach einer leichten Freikletterseillänge folgt eine schwierige technische Länge. Zwei Seillängen- ein bescheidener Start- aber immerhin.

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3. Mai 2008

Freiklettern von 9 Uhr morgens bis 14 Uhr nachmittags. Danach bis 22 Uhr technisches Klettern in beißender Kälte, aber in grandioser Landschaft. Robert, Mariusz und Klaus schaffen ganze vier Seillängen. Morgen sind Holger, Klaus und ich an der Reihe. Wir stehen unter Zeitdruck. Spätestens am 20. Mai müssen wir den Marsch nach Clyde River antreten. Ansonsten droht das Eis noch vor unserer Ankunft aufzubrechen.


Wir stehen alle unter einer enormen Anspannung. Eisbärenkontakt sehr wahrscheinlich. So haben wir unsere Reise gebucht. Die riesigen Eisbärenspuren, die wir nur wenige Meter von unserem Lager entfernt entdeckten, beängstigen uns. Es ist ein wildes, aufregendes Land. Aber aus unerfindlichen Gründen wollten wir es ja nicht anders...

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4. Mai 2008

Dritter Tag in der Wand. Holger, Klaus und ich hängen an einem kleinen Schlingenstand. Eine glatte, leicht einliegende Verschneidung zieht vom Standplatz hinauf. Erst nach fünf, sechs Metern wird der Riss im Verschneidungsgrund breiter, ausreichend um die Fingerspitzen darin zu verklemmen. Erstaunlicherweise sind sämtliche Risse im unteren Wandteil mit gefrorener Erde und Sand wie zubetoniert. Mühsam säubern wir mit dem Hammer und dünnen Haken die Klemmstellen für die Fingerspitzen. Eigentlich zählt in dieser Region nur das schnelle Vorankommen.


Doch selbst hier kann ich meine Freikletterseele nicht verleugnen und mich eine perfekte Freikletterseillänge einfach nur hinaufangeln. Der Himmel verschleiert sich zunehmend mit einer tief hängenden Wolkendecke. Am Morgen fiel der Luftdruck langsam aber stetig, ein eindeutiges Zeichen für eine ausgeprägte Schlechtwetterfront. Es wird von Stunde zu Stunde kälter. Wir kommen in einer 60- und einer 30 Meter Seillänge bis über das ausgeprägte Eisenband, wir nähern uns der Wandmitte. Für einige Seillängen werden unsere Fixseile noch reichen. Danach steigen wir alle zusammen mit Porterledges (Wandzelte) in die Wand ein und bleiben so lange, bis wir den Gipfel erreichen.

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5. Mai 2008

Als Robert, Holger und Mariusz an diesem Morgen einsteigen, schneit es. Der Schnee ist so trocken, dass er senkrecht die Wand hinaufgewirbelt wird. Robert arbeitet sich technisch Zentimeter für Zentimeter über tonnenschwere, hohle Schuppen hinauf. Acht Stunden für 60 Meter, bei dieser Felsbeschaffenheit und den widrigen Witterungsverhältnissen ein gutes, ein sehr gutes Ergebnis.


Rechts vom letzten Standplatz hängen die Platten in drei Schichten wie riesige Damokles Schwerter über uns.


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6. Mai 2008

An diesem Tage passiert nicht viel. Lediglich die Porterledges transportieren wir in die Wand. Die nächsten entscheidenden Meter in der Route müssen in Freikletterei überwunden werden. In technischer Kletterei ist der Weg über die Schwerter nicht möglich. Erst nach über 10 Metern scheint eine verlässliche Zwischensicherung möglich. Bei der beißenden Kälte und dem Sturm ist jedoch an Freikletterei bis auf weiteres nicht zu denken.

Wir können noch warten, bis jetzt liegen wir im Zeitplan.

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7. Mai 2008

Ruhetag. Der Wind pfeift vom Meer landeinwärts. Die Schneeflocken treiben waagrecht an der „Bastion“ entlang. Obwohl wir die „Nanuks“, wie die Eisbären ehrfürchtig und respektvoll von den Inuits genannt werden, nur in weiter Ferne beobachten können, mutet unser Lager wie ein Hochsicherheitstrakt an. In weitem Abstand zu den Zelten lauert Robert’s Eisbärenzaun.

Bisher haben sich jedoch nur schlaftrunkene Kletterer in den frühen Morgenstunden darin verfangen und die Signalpatronen ausgelöst. Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, nicht nur für einen Eisbären, sondern vor allem für uns selbst. Denn der Rest der Mannschaft liegt bei diesen Zwischenfällen hypernervös in den Schlafsäcken, zwei geladene „Pumpguns“ zwischen Ihnen, kampfbereit und zu Allem entschlossen.

Bis auf Mariusz, der uns eigentlich bewachen wollte und als Einziger Erfahrung mit der Waffe hat. Er hat bisher jeden Alarm verschlafen.

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8. Mai 2008

Heute herrscht wieder traumhaftes Wetter. Robert, Holger und ich machen uns um 8 Uhr morgens zur Wand auf. Noch dieser und ein weiterer Tag, danach werden wir in den Porterledges in der Wand bleiben. Die „Schwerter“, über die unser Weiterweg führt, können wir nur mit dem Einsatz eines Bohrhakens überwinden. Eine tonnenschwere Platte steht nur auf einer winzigen Auflagefläche auf einer weiteren riesigen Scholle. Eigentlich wollte ich mich in Kamintechnik den Riß dazwischen hochstemmen, aber allein die Vorstellung, was mit mir passiert, wenn die Platte in diesem Moment von der Auflage abrutscht, quetscht sofort jedes Heldentum aus mir.

Ganz vorsichtig versuche ich mich an ihr vorbeizumogeln.
Robert klettert danach in technischer Kletterei die vielleicht schönste Seillänge der Route. Ein feiner Fingerriss, etwa 40 Meter lang in bestem Granit. Falls möglich, wollen wir diese Länge gerne noch frei probieren. Danach bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns auch in den nächsten Tagen erwarten wird: Unser Quarzaderriss entpuppt sich als ein hautfressendes, nervtötendes und extrem brüchiges Riss-Ungeheuer.

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9. Mai 2008

Es kommt, wie wir es befürchteten. In den nächsten Seillängen kämpft jeder mit seinen eigenen Waffen gegen den Riss. Robert in technischer Kletterei, ich versuche es mit Freiklettern. Spaß macht weder das eine noch das andere. Aber wir kommen höher, und nur das zählt am Ende des Tages. Nicht ganz. Je höher wir kommen, umso großartiger wird unsere Aussicht. Eisbergformationen weit draußen auf dem Meer sehen aus wie kleine Dörfer in den bayrischen Voralpen. Kein Laut ist zu hören, nur das Kreischen der unzähligen Möwen und Raben am benachbarten „Vogelfelsen“ stören die Stille in den späten Abendstunden.

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