Baffin Expedition 2008
 
 
Baffin Expedition 2008

25. April 2008

Wir sind nun auf dem Weg zum Querbitter Fjord. Es ist erstaunlich, welche Lasten die kleinen Motorschlitten ziehen können. Während in einem Gespann die Ausrüstung transportiert wird, kauern wir uns im Anderen auf einen riesigen Schlitten hinter einem kleinen Windfang. Bei jeder Bodenwelle staucht es uns zusammen. Das Thermometer zeigt nach wie vor 15 Grad minus und wir rollen uns wie die Schlittenhunde zusammen und versuchen so gut es geht dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten.


Nach 54 Kilometern erreichen wir zwei kleine Jagdhütten. Heute übernachten wir das letzte Mal mit einem festem Dach über dem Kopf und ohne Angst vor Eisbären. Zumindest ist die Temperatur hier ein paar Grad höher.

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26. April 2008

Zeit spielt keine Rolle, denn es ist 24 Stunden lang hell. Erst gegen Mittag brechen wir am nächsten Tag von den Hütten auf. Immer wieder streikt ein Skidoo auf dem langsamen Weg durch die bizarren Eisformationen. Es ist eine unwirkliche Gegend. Weite, schneebedeckte Hügel ziehen an unserer rechten Seite vorbei. Blaugraue Nebel deuten auf offenes Wasser zu unserer Linken hin. Mit unseren einheimischen Fahrern, alles erfahrene Jäger, fühlen wir uns noch sicher. Doch diese Tage sind gezählt.

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27. April 2008

Wir haben wieder Probleme mit den Skidoos. Die Schläge und Stöße und vor allem die schweren Schlitten gehen unbarmherzig aufs Material. Wir sind von bizarren Eisformationen des „Rough Ice“ umgeben. Sobald das Wasser gefriert und eine zarte Eisdecke bildet, zerbricht sie an exponierten Stellen und die Eisschollen werden vom Wind übereinander geschoben. Mit der Zeit bilden sie eine schier unendlich scheinende Skulpturen-Landschaft.


Doch ihre Tage sind gezählt, und die starren und stummen Zeugen der Eiszeit können zu einer tückischen Falle in der Auftauphase werden. Also genau zu der Zeit, zu der wir uns auf dem 380 Kilometer langen Marsch zurück in die Zivilisation befinden. Die Etappe heute war kurz: 41 Kilometer.

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28. April 2008

Es ist noch einmal kälter geworden in der Nacht. Leichter Schneefall setzt ein, in den frühen Morgenstunden beginnt es zu stürmen. „Whiteout“ und immer wieder „Rough Ice“. Selbst Scheti, unser erfahrener Führer, muss sich den Weg mit Hilfe des GPS suchen. Wir kommen nur noch im Schritttempo voran. Immer wieder kehren wir um und suchen uns eine neue Route. Es ist eine gespenstische Szenerie.


Willkommen in der Tiefkühltruhe. Nach 8 Stunden geben wir auf und bauen im Schneetreiben unsere Zelte auf. -15 Grad und nur ganze 53 Kilometer geschafft. Erschöpft kriechen wir in unsere Schlafsäcke, die einzige warme und behagliche Zeit am Tag.

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29. April 2008

Grämt euch nicht und seid guter Dinge, den es könnte schlimmer kommen. Und wir grämten uns nicht und waren guter Dinge und es kam viel, viel schlimmer. Der Tag beginnt mit dem Überschlag einer unserer Skidoos. Unserem Fahrer ist Gott sei Dank nichts passiert, doch sein Gefährt ist übel zugerichtet. Nur wenige Kilometer später stürzt ein Schlitten um. Die Kufe bricht, drei Stunden dauert die Reparatur. Die Inuits sind wahre Meister der Improvisation. Sogar in solchen Momenten bleiben sie vollkommen ruhig, gelassen und erstaunlicherweise gut gelaunt. „Cool“ kann man in diesen Regionen nicht sagen, das sind wir hier alle.


In den späten Abendstunden erreichen wir den lange ersehnten Eingang in den Querbitter Fjord. Was für ein Augenblick. Die Wände zu beiden Seiten werden immer höher und grandioser. 60 Kilometer haben wir heute hinter uns gebracht. Unsere vorläufig letzte Etappe. Wir sind am Ziel angekommen und es stürmt und schneit noch immer.

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29. April 2008

Gestern konnten wir die riesigen Wandfluchten und die überwältigende Szenerie hinter dem Wolkenvorhang nur erahnen. Als wir heute morgen bei strahlendem Sonnenschein die Köpfe aus den Zelten strecken, sind wir einfach nur sprachlos. Wir stellen unser Lager liegt direkt vor der „China Wall“ auf, eine über 1000 Meter hohe Granitwand, die unmittelbar aus dem zugefrorenen Fjord aufragt. Der Amerikaner Eugen Fischer überflog dieses Gebiet in den siebziger Jahren. Seine Luftaufnahme dieser Wand inspirierte uns zu dieser Expedition.


Er schrieb damals im „American Alpine Journal“ von der letzten großen Herausforderung in den Fjorden von Baffin Island. Doch hier warten noch einige weitere, unberührte Wandfluchten auf ihre Erschließung. Wir gehen mit unseren Jägern auf Erkundungsreise und fahren den gesamten Querbitter Fjord ab. Anschließend geht es zu den Nachbar-Fjorden „Icy Arm“ und „Cambridge Fjord“ und wieder hinaus Richtung Meermündung in den „Buchan Golf“. So viel uns bekannt ist, war noch nie ein Kletterer vor uns in dieser Region aktiv. Wir fühlen uns als Pioniere, als Entdecker, als der Christoph Columbus unserer neuen Felsenwelt.


Doch es gibt für uns nicht die befürchtete Qual der Wahl. Als wir gestern im Schneesturm in den „Buchan Golf“ abbogen, da sahen wir sie an den „Bastions“. Es war Liebe auf den ersten Blick. Etwa 800 Meter ragt sie unmittelbar von der Eisoberfläche in die Höhe. Eine rostige Eiseneinlagerung zieht in halber Höhe quer über die Wand. Darüber die vollkommen glatte Headwall mit einem einzigen Risssystem durchzogen, eine perfekte Linie.

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1. Mai 2008

Wir verlegen das Lager in Wandnähe. Dies hat auch den Vorteil, dass wir uns eine ganze Tagesetappe beim Rückmarsch in die Zivilisation sparen. Aus 350 werden 340 Kilometer. Es ist sonnig, doch es fegt ein eiskalter Sturm vom Meer landeinwärts. In der Luft flimmern und glitzern feine Kristalle. Schneefahnen wehen dicht über die Eisoberfläche. Wir packen die Kites aus und jagen einige Stunden über die kilometerweite Fläche. Bei diesen Bedingungen wäre der Rückmarsch nach Clyde River ein Genuss. Aber wie immer rechnen wir mit dem Schlimmsten.

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